Folsäuremangelanämie, Blutarmut aufgrund Folsäuremangels.
ICD -10 Code

D52.-
Definition

Eine Folsäuremangelanämie ist eine Blutarmut aufgrund eines Mangels an Folsäure. Folsäure wird v. a. bei der Zellteilung benötigt. Ein Mangel macht sich daher zuerst an den Zellen bemerkbar, die sich häufig teilen, wie etwa Blutzellen oder Zellen der Schleimhäute. Durch die gestörte Blutbildung kommt es zu einer Blutarmut (Anämie).
Folsäure ist ein Vitamin und muss mit der Nahrung aufgenommen werden. Sie ist vor allem in Blattgemüse, Salaten und Leber enthalten. Eine tägliche Dosis von etwa 50 - 100 Mikrogramm wird empfohlen. Folsäurespeicher beim Erwachsenen ist die Leber. Sie kann Folsäure bedarf bis zu drei Monate aufnehmen.
Ursachen

Eine klinisch manifeste Anämie durch Folsäuremangel tritt meist erst nach 3 - 4 Monaten auf. Die Ursachen für eine Folsäuremangelanämie können unterschiedlich sein. Entweder ist die Menge der aufgenommenen Folsäure zu gering, die Aufnahme durch eine Krankheit gestört, der Folsäurebedarf erhöht oder der Folsäurespeicher zu klein.
Meistens entsteht der Folsäuremangel durch eine ungenügende Folsäureaufnahme, wie sie durch eine einseitige Ernährung ohne frisches Gemüse oder Salate verursacht wird. Auch zu langes Kochen zerstört die in Nahrungsmitteln enthaltene Folsäure. Ältere Menschen leiden oft unter einer ernährungsbedingten Folsäureanämie.
Bei Alkoholikern ist der Folsäuremangel nur teilweise durch die - vor allem im Spätstadium typische - schlechte Ernährung bedingt. Durch den schädigenden Einfluss des Alkohols auf die Leber als Folsäurespeicher wird der Mangel noch verstärkt. Zusätzlich sind bei Alkoholikern Resorptionsprozesse im Darm gestört. Wer hin und wieder ein Bier trinkt, muss sich aber nicht vor Folsäuremangel fürchten. Der Gerstensaft enthält sogar reichlich Folsäure.
Eine Folsäuremangelanämie kann auch durch eine Erkrankung der Darmschleimhaut bedingt sein, wie sie beispielsweise durch eine Gluten-Unverträglichkeit verursacht werden kann. Die Folsäure kann dann nicht mehr ausreichend in den Körper aufgenommen werden. Da Folsäure aber im gesamten Dünndarm ins Blut aufgenommen wird, kommt es nur bei einer Erkrankung bzw. bei operativer Entfernung großer Abschnitte des Dünndarms zu einer merklich verminderten Folsäureaufnahme.
Darüber hinaus greifen manche Arzneimittel, wie z. B. Folsäureantagonisten (z. B. Rheumamedikament Methotrexat), direkt in den Folsäurestoffwechsel ein. Auch die Pille und Medikamente gegen epileptische Anfälle können einen Folsäuremangel verursachen.
Schwangere sind aufgrund des erhöhten Folsäurebedarfs von bis zu 400 Mikrogramm pro Tag ebenfalls von einer Folsäuremangelanämie bedroht. Sie sollten den erhöhten Bedarf deshalb unbedingt mit Folsäuretabletten decken. Hier ist die zusätzliche Gabe von Folsäure besonders wichtig, da ein Mangel das Auftreten einer Anlagestörung des Rückenmarks beim Kind fördert. Auch bei einem krankhaft erhöhten Zerfall von Blutkörperchen (Hämolyse) ist der Folsäurebedarf erhöht.
Symptome

Die Symptome einer Folsäuremangelanämie sind zunächst sehr unspezifisch. Betroffene klagen über Müdigkeit, Leistungsabfall, Konzentrationsschwäche und Blässe. Es kann auch zu Schädigungen der Zunge (Glossitis) sowie der Schleimhäute im Magen-Darm-Trakt kommen. Appetit- und daraus resultierender Gewichtsverlust sind ebenfalls typische Kennzeichen. Die Patienten sind aufgrund des Mangels an roten Blutkörperchen blass. Bei schwerer Blutarmut können Störungen des Herz-Kreislauf-Systems auftreten, wenn nicht mehr ausreichend Hämoglobin für den Sauerstofftransport zur Verfügung steht. Diese Störungen äußern sich in einer erhöhten Herzschlagfrequenz oder durch Luftnot in Belastungssituationen. Folsäure ist notwendig für den Abbau des Homocysteinspiegels
(Homocystein kann zu Herz-Kreislauf-Schäden führen).
Durch alkoholtoxische Schädigungen oder einem kombinierten Folsäure- und Vitamin-B12-Mangel können neurologische, psychische Störungen sowie Nervenbahnschädigungen im Rückenmark entstehen und machen so eine Differentialdiagnose schwierig.
Diagnostik

Unspezifische Symptome wie beispielsweise Müdigkeit, Schwäche oder Blässe, ähnlich einer perniziösen Anämie, lassen nicht sicher auf eine Blutarmut schließen. Für eine zuverlässige Diagnose ist deshalb eine Blutuntersuchung unerlässlich. Auffallend sind besonders große rote Blutkörperchen, die relativ viel des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin enthalten. Die Anzahl der roten Blutkörperchen ist jedoch vermindert, sodass insgesamt eine Blutarmut resultiert. Diese Anämieart wird vom Mediziner als makrozytäre megaloblastäre Anämie bezeichnet. Aufgrund der durch den Folsäuremangel bedingten Reifungsstörung der Blutzellen finden sich teilweise auch unreife Vorstufen der roten Blutkörperchen (Blasten) im Blut. Weiterhin ist auch die Anzahl der weißen Blutkörperchen und der Blutplättchen vermindert. Im Knochenmark finden sich übergroße und untypisch geformte Vorläuferzellen der roten und weißen Blutkörperchen,, bedingt auch aufgrund der knochenmarkstoxischen Wirkung bei chronischem Alkoholkonsum. Da die Befunde der Blut- und Knochenmarkuntersuchungen denen der durch Vitamin-B12-Mangel ausgelösten Blutarmut sehr ähnlich sind, muss zur Unterscheidung der beiden Erkrankungen die Folsäure- und Vitamin-B12-Konzentration im Blut untersucht werden. Der Folsäuregehalt des Blutes ist dabei stark erniedrigt, während der Vitamin-B12-Gehalt normal ist.
Auswirkungen

Eine ausgeprägte Anämie kann Herz-Kreislauf-Symptome hervorrufen, die sich durch Herzrasen, Herzstolpern, Strömungsturbulenzen oder Luftnot bei Belastung äußern.
In der Schwangerschaft kann Folsäuremangel beim Kind erhebliche Schäden wie zum Beispiel so genannte Neuralrohrdefekte verursachen, zu denen der offene Rücken (Spina Bifida) mit oder ohne Schädigung des Rückenmarks gehört. Diese Entwicklungsstörung bildet sich bei einer von tausend Schwangeren mit Folsäuremangel aus. Deshalb empfiehlt der Frauenarzt schon im Fall einer angestrebten Schwangerschaft die zusätzliche Einnahme von Folsäure, die das Risiko um etwa 70% senken kann.
Therapie

Im Vordergrund der Therapie steht ein schneller Ausgleich des Folsäuremangels durch Einnahme von Folsäure in Tablettenform. Um den Folsäurespeicher rasch aufzufüllen, sollte anfangs eine Tagesdosis von bis zu 5 - 15 Milligramm eingenommen werden.
Ist der akute Folsäuremangel ca. innerhalb von vier Wochen ausgeglichen, sollte die eigentliche Ursache behoben werden. Dies kann je nach auslösendem Faktor mittels Alkoholverzicht, Behandlung der Darmerkrankung oder Ernährungsumstellung geschehen.
In der Regel ist eine Folsäuremangelanämie heilbar und die Symptome reversibel.
Wichtig ist, dass vor einer Folsäuretherapie ein
Vitamin-B12-Mangel ausgeschlossen werden muß, weil die Therapie nur den Anämiebefund bessert, nicht aber die neurologische Schädigung und kombinierte
Folsäure- Vitamin-B12-Mangelzustände vorkommen.
Prophylaxe

Die einfachste Prophylaxe ist eine ausgewogene Ernährung. Dazu gehört der regelmäßige Verzehr von Blattgemüse, Salaten und anderen Lebensmitteln mit hohem Folsäuregehalt. In der Schwangerschaft und Stillzeit sollte der erhöhte Folsäurebedarf nach Absprache mit dem Arzt durch Tabletten gedeckt werden. In vielen Fällen wird sogar zu einer prophylaktischen Einnahme schon vor dem Eintritt einer Schwangerschaft bei bestehendem Kinderwunsch geraten.
Bemerkungen

Literatur:
Innere Medizin, Classen/Diehl, Urban & Fischer, 5. Aufl., 2003;
Duale Reihe Innere Medizin, Thieme, 3. Aufl., 2005; Innere Medizin, Herold, 2007; Innere Medizin, Schölmerich, Schattauer, 10. Aufl., 2000.



ib;ml; aktualisiert: 08/2009