Organische Persönlichkeitsstörung, organische Wesensänderung, Frontalhirnsyndrom, Lobotomie-Syndrom.
ICD -10 Code

F07.0
Definition

Die organische Persönlichkeitsstörung ist eine konstante und tief greifende Veränderung von Verhalten, Denken und Fühlen infolge einer Krankheit, Verletzung oder Stoffwechselstörung, die das Gehirn mittel- bzw. unmittelbar betreffen.
Besonders auffällig sind die Verhaltensänderungen, die sich in einer deutlichen Enthemmung, Planungsunfähigkeit und Risikofreude äußern können, aber auch in Apathie und Teilnahmslosigkeit.
Ursachen

Der organischen Persönlichkeitsstörung liegt definitionsgemäß eine Erkrankung, Schädigung oder ein körperliches Trauma zugrunde, die/das die Hirnsubstanz unmittelbar oder mittelbar in Mitleidenschaft gezogen hat.
Mögliche Ursachen sind eine schwere Epilepsie, ein Schädel-Hirn-Trauma, ein Hirntumor, eine Operation, Medikamenten- oder Schadstoffvergiftung, schwere Infektionen, eine Hirnblutung und allgemeine Stoffwechselstörungen. Häufige Ursachen sind unter anderem auch ein chronischer Alkohol- und Drogenmissbrauch.
Symptome

Es lassen sich einige sehr typische Krankheitsbilder ausmachen. In der Regel zeichnet sich die organische Persönlichkeitsänderung dadurch aus, dass kognitive Funktionen, anders als bei den Demenzen, kaum beeinträchtigt sind, sondern vielmehr Charaktereigenschaften verändert erscheinen. Es drängt sich den Angehörigen der Eindruck auf, es mit einem "anderen Menschen" zu tun zu haben.
Eine bestimmte Gruppe von Symptomen wird dabei regelmäßig beobachtet:
1) zielgerichtetes Denken und Handeln, vor allem das Durchhalten einer Handlungsmotivation sind schwer gestört;
2) Befriedigung von Triebimpulsen kann kaum aufgeschoben werden, Bedürfnisse werden ungehemmt und ohne Rücksicht auf soziale Konsequenzen spontan geäußert und zu befriedigen gesucht (z. B. sexuelle oder nahrungsmäßige Triebenthemmung);
3) affektive Veränderungen im Sinne von emotionaler Labilität, euphorische, läppische und distanzlose Stimmungen, Reizbarkeit oder Apathie;
4) verstärktes Misstrauen, Verfolgungsideen, exzessive Beschäftigung mit bestimmten Themen;
5) umständliches, weitschweifiges und übermäßiges Reden;
6) plötzliche Änderung im Sexualverhalten, z. B. in den sexuellen Vorlieben.
Die verschiedenen Symptome können in bestimmten Kombinationen auftreten, sodass es möglich ist, einzelne "Typen" zu unterscheiden: den pseudoretardierten, pseudopsychopathischen, apathischen und limbisch-epileptischen Typ.
Diagnostik

Im Rahmen der Diagnostik helfen eine umfassende körperliche Untersuchung, labortechnische sowie apparative Möglichkeiten wie Ultraschall, Röntgen, Computertomografie, Kernspintomografie etc. bei der Diagnosefindung. Kann man davon ausgehen, dass eine organische Ursache die Persönlichkeitsstörung verursacht hat, so sollte sehr umfassend und detailliert nach dem organischen Defekt geforscht werden. Auch eine Lumbalpunktion zur Gewinnung von Hirn-Rückenmarks-Wasser (Liquor) kann hierbei vonnöten sein. Die typische Schilderung des "Bruchs" in den Verhaltensweisen und Eigenschaften und die genannten Symptome sollten den Arzt dahin führen, die organischen Ursachen zu erkennen. Es muss eine sorgfältige Abgrenzung zu psychiatrischen Erkrankungen wie Schizophrenie und Depression erfolgen, ebenso zu neurotischen Reaktionen wie der sog. dissoziativen Störung. In manchen Fällen lassen sich solche Abgrenzungen erst im weiteren Verlauf ziehen.
Auswirkungen

Wenn die zugrunde liegende Hirnschädigung nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, muss man die Persönlichkeitsänderung als chronisch begreifen. Das bedeutet in vielen Fällen eine verminderte Integrierbarkeit in die vor der Erkrankung bestehenden Lebensbezüge. Sozial verhalten sich diese Patienten oft unberechenbar; in extremen Fällen ist eine lang dauernde Unterbringung und Therapie in speziellen Rehabilitationszentren unumgänglich.
Therapie

Am Anfang steht die Behandlung der auslösenden Grunderkrankung, die in manchen Fällen die organische Persönlichkeitsstörung heilen kann. Jedoch sind erlittene Hirnschädigungen in den meisten Fällen nicht mehr rückgängig zu machen, sodass der Behandlungsansatz lediglich in der Milderung der Symptome zu sehen ist.
Verhaltenstherapeutische Verfahren sind am besten geeignet, auf die Störungen einzuwirken. Wie schon erläutert haben viele Betroffene Schwierigkeiten damit, ihr Verhalten sozial angemessen zu steuern und die Konsequenzen ihrer Handlungen ab- und einzusehen.
Ein regelrechtes Verhaltenstraining muss hier die verloren gegangenen Kontroll- und Motivationsfunktionen neu vermitteln.
Psychopharmaka können allenfalls unterstützend wirken und müssen oft aus pragmatischen Gründen zumindest zeitweise eingesetzt werden. Bei deutlich antriebsverminderten, apathischen Krankheitsbildern kann eine Behandlung mit Antidepressiva hilfreich sein, bei distanzlos-aggressiven Bildern die Behandlung mit beruhigenden Medikamenten, z. B. niederpotenten Neuroleptika.
Prophylaxe

Eine spezifische Vorbeugung gegen organische Persönlichkeitsstörungen kann es aufgrund der Vielfältigkeit der möglichen Ursachen nicht geben.
Bemerkungen

Literatur:
Psychiatrie systematisch, Ebert, 7. Auflage uni-med 2008;
Neurologie und Psychiatrie, Gleixner-Müller-Wirth, Medizinische Verlags- und Informationsdienste 2004/05.

ab;ml; aktualisiert: 11/2009