Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode.
ICD -10 Code

F33.1
Definition

In der neuen Fassung des international gültigen Diagnosenkatalogs ICD-10 wird bei der depressiven Episode keine Unterscheidung mehr nach den vermuteten Ursachen getroffen, sie wird deskriptiv nach ihrem Schweregrad (leicht - mittel - schwer) beurteilt. Eine schwere Episode besteht, wenn die drei Hauptsymptome (Niedergeschlagenheit, Interessenverlust und Antriebslosigkeit) zusammen mit mindestens fünf weiteren Zusatzsymptomen auftreten. Die depressive Erkrankung kommt sehr häufig vor, ihr Verlauf ist episodisch. Etwa 20% der deutschen Bevölkerung sind mindestens einmal im Leben von einer depressiven Störung betroffen (Frauen häufiger als Männer). Depressionen treten in allen Lebensaltern auf, mit einem Ersterkrankungsgipfel zwischen dem 18. und 25. Lebensjahr. Die Motivation einen Arzt aufzusuchen und die Einsicht, dass eine medizinische Behandlung erforderlich ist, stellen ein wichtiges Problem in der Betreuung depressiver Menschen dar. Eine rezidivierende depressive Störung ist durch wiederholte depressive Episoden gekennzeichnet, wobei die gegenwärtige Episode mittelgradig ist (siehe Diagnose F32.1), ohne Manie in der Anamnese. An dieser Stelle ist es evtl. sinnvoll, zu erwähnen, dass man in der Fachsprache zwischen bipolaren Störungen (d. h. affektiven Störungen, bei denen sowohl manische als auch depressive Episoden vorkommen) und (unipolaren) rezidivierenden depressiven Störungen unterscheidet. Die rezidivierende depressive Störung ist nur durch depressive Episoden gekennzeichnet. Auch bei der rezidivierenden depressiven Störung können alle Schweregrade und Ausprägungsformen depressiver Episoden vorkommen. Ein Teil der Episoden kann im Verlauf durch Stressoren ausgelöst wirken, aber auch ohne Anlass ausgelöst werden. Zwischen den Episoden können die Patienten wie bei der bipolaren Störung oft symptomfrei sein, entwickeln jedoch mit steigender Dauer und Episodenzahl Residuen. Die rezidivierende depressive Störung kann sich aber auch zu einer bipolaren Störung entwickeln, wenn eine manische Episode dazwischen vorkommt. Rezidivierende depressive Störungen können auf verschiedene Art chronifizieren.
Ursachen

Für das Zustandekommen eines depressiven Krankheitsbilds sind viele verschiedene Ursachen bedeutsam. Menschen, die sich in schwierigen sozialen Situationen, wie z. B. Armut und Arbeitslosigkeit, befinden, neigen eher zu einer depressiven Symptomatik. Traumatische Ereignisse wie Partnerverlust, Trauerfälle oder Krankheit wirken oft auslösend für eine depressive Episode. Grundlegend für die Entstehung der Depressionsneigung scheint auch eine genetisch-körperliche Komponente zu sein. Genetische Untersuchungen konnten familiäre Häufungen beobachten, biochemisch wird ein Mangel an bestimmten Botenstoffen (v. a. das Hormon Serotonin) in verschiedenen Hirnbereichen vermutet. Inzwischen ist die Unterscheidung einer Depression in "endogen" (innerlich begründet) und "neurotisch" bzw. "reaktiv" (äußerlich begründet im Sinne von belastenden Lebensereignissen) verlassen worden. Alle neueren Erkenntnisse sprechen dafür, dass keine prinzipielle Unterscheidung von Entstehungsmechanismen getroffen werden kann und in der Behandlung auch nicht von Bedeutung ist. Dennoch bestimmen diese Begriffe nach wie vor weite Teile der Vorstellungswelt über Depressionen und werden sich wohl noch lange in Literatur und Öffentlichkeit halten.
Symptome

Der Begriff der Depression ist im medizinisch-psychiatrischen Sinn nicht unbedingt deckungsgleich mit dem im alltäglichen Sprachgebrauch. Im Volksmund wird die Depression meist mit Trauer gleichgesetzt, in der Medizin hingegen eher als "Gefühl der Gefühllosigkeit" oder "unerträgliche Leere" umschrieben. Diese depressive Stimmung ist eines der Grundsymptome der depressiven Episode, hinzu kommen Interessen- und Freudlosigkeit sowie Antriebslosigkeit und hohe Ermüdbarkeit. Diese drei Hauptsymptome müssen grundsätzlich zur Diagnose einer schweren depressiven Episode vorliegen, darüber hinaus mindestens fünf Zusatzsymptome. Solche sind Schlafstörungen, Suizidgedanken, Konzentrationsstörungen, vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, Appetitlosigkeit und Pessimismus. Daneben liegen bei einer schweren depressiven Episode oft somatische Symptome, wie z. B. Libidoverlust, Gewichtsverlust, Morgentief und frühmorgendliches Erwachen vor. Die schwere depressive Episode zeichnet sich auch dadurch aus, dass mit ihr schwerste Einschränkungen der Alltagsaktivitäten einhergehen. Wie die Begriffsfassung schon verdeutlicht, haben Depressionen in der Regel einen episodenhaften Verlauf mit zwischenzeitlicher Beschwerdefreiheit oder zumindest deutlicher Besserung. Die durchschnittliche Dauer einer depressiven Phase beträgt etwa 13 Wochen, unbehandelt 4 - 12 Monate, die Dauer der Phase zwischen den depressiven Episoden im Mittel 4 - 5 Jahre. Eine depressive Episode kann aber auch einmalig auftreten. Relativ häufig sind Gedanken an Selbstmord sowie Selbstmordversuche.
Diagnostik

Zur Diagnose einer depressiven Episode und ihrer Abgrenzung gegen andere psychische Erkrankungen ist eine sorgfältige Eigen-und Familienanamnese (Krankengeschichte) unter Berücksichtigung der genannten Symptome notwendig. Solche müssen mindestens über die Dauer von zwei Wochen vorliegen. Suizidgedanken müssen unbedingt erfragt werden. Eine komplette körperlich-neurologische Untersuchung und eine Blutabnahme sind bei Ersterkrankung unerlässlich, zusätzlich können eine Elektroenenzephalografie (EEG, Messung und Aufzeichnung der Hirnströme), eine Computertomografie (CT, Schichtröntgen) und andere spezifische Untersuchungen bei Verdacht auf körperliche Ursachen erforderlich werden.
Auswirkungen

Depressionen gehören zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt. In vielen Fällen werden sie nicht erkannt, verharmlost oder nicht behandelt. Schwere depressive Episoden führen zu deutlichen Einschränkungen in den Lebensvollzügen und somit zu sozialen Folgen. Ein langer, unbehandelter Verlauf kann zu sozialem Rückzug, zu Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung führen: 2,2% aller Arbeitsunfähigkeiten und 6,3% aller Frühberentungen in Deutschland haben ihre Ursache in einer depressiven Störung. Suizidalität ist ein ernst zu nehmendes Problem im Verlauf der Erkrankung: Bis zu 15 - 20% der schwer Betroffenen mit rezidivierenden depressiven Störungen begehen Selbstmord. Dabei ist ein besonderer Typ der Depressiven, der zur Ordentlichkeit, Gewissenhaftigkeit und erhöhter Leistungsbereitschaft neigt, besonders häufig suizidgefährdet. Ein bisher viel zu wenig beachtetes Phänomen ist das Risiko, durch eine Depression körperliche Erkrankungen zu erleiden bzw. in ihrem Verlauf zu verschlechtern. So konnte für Menschen mit Depressionen ein deutlich erhöhtes Herzinfarktrisiko gezeigt werden. Unstrittig ist die Tatsache, dass Depressive im Verlauf der Erkrankung verstärkt andere psychische Erkrankungen wie Angststörungen, Zwangsstörungen oder Essstörungen entwickeln. Die Gefahr von Rückfällen oder chronischen Verläufen ist relativ hoch.
Therapie

Eine Depression ist inzwischen gut behandelbar, bei konsequenter vielschichtiger Therapie können sowohl die depressiven Phasen in Ausmaß und Dauer begrenzt als auch Folgen und Wiederauftreten positiv beeinflusst werden. Vielschichtig ist eine Therapie, die den konsequenten Einsatz von antidepressiven Medikamenten, Psychotherapie und sozialer Unterstützung beinhaltet, ebenso aber die Motivation zu "antidepressivem Verhalten". Leider erhalten viele Betroffene keine ausreichende Therapie. Bei einer schweren depressiven Episode muss eine konsequente Behandlung mit antidepressiven Medikamenten im Vordergrund stehen. Diese ist vor allen Dingen bei einem wiederholten Auftreten der Depression zur Prophylaxe auch über die akute Phase hinaus wichtig. Es existiert eine Vielzahl an gut wirksamen Antidepressiva. Antidepressiva müssen regelmäßig eingenommen werden, ihr spezifisch depressionslösender Effekt ist erst nach einigen Wochen zu erwarten. Bei wiederholtem Auftreten müssen sie in der Regel ein halbes Jahr über das Ende der Beschwerden hinaus eingenommen werden. Neben dieser Pharmakotherapie ist eine begleitende Psychotherapie (z. B. Verhaltenstherapie) und Soziotherapie zu diskutieren. Der Patient sollte motiviert werden, durch eigenes Verhalten den depressiven Symptomen entgegenzusteuern. Positive Effekte werden z. B. auch durch regelmäßige sportliche Aktivitäten, besonders in Ausdauerdisziplinen beobachtet.
Prophylaxe

Depressive Störungen treten gehäuft bei Menschen auf, die aufgrund ihres Charakters zu Ängstlichkeit, Pessimismus, Schuldgefühlen und einem Gefühl der Hilflosigkeit neigen. Durch die intensive Beschäftigung mit der eigenen Persönlichkeit, die eine Änderung der bei den Betroffenen meist negativen Eigenwahrnehmung zum Ziel hat, kann der Ausbruch einer Depression möglicherweise verhindert werden. Des Weiteren ist die bereits oben beschriebene positive Auswirkung von sportlicher Betätigung und generell jedweder Form von sozialen Aktivitäten zu erwähnen. Eine Rezidivprophylaxe sollte besonders früh begonnen werden, da rezidivierende depressive Episoden keine Seltenheit darstellen. Eine jahrelange Rezidivprophylaxe sollte bei Patienten mit mindestens drei depressiven Episoden oder bei Patienten mit mindestens zwei Episoden und positiver Familienanamnese oder schweren Episoden kurz hintereinander diskutiert werden.
Bemerkungen

Die rezidivierende depressive Störung ist der einzelnen depressiven Episode sehr ähnlich. Frauen sind häufiger (Verhältnis 2:1) als Männer betroffen. Ferner leiden Verwandte ersten Grades von Patienten mit dieser Erkrankung 1,5 - 3 mal häufiger unter rezidivierenden depressiven Störungen. Weiterhin ist die Erkrankung bei eineiigen Zwillingen häufiger als bei zweieiigen Zwillingen zu beobachten. Die Befunde sprechen jedoch nicht für eine ausschließlich genetische Beteiligung.

Eine Übersicht über Selbsthilfe-Angebote liefert http://www.kompetenznetz-depression.de/.

Literatur:
Psychiatrie systematisch, Ebert, 4. Auflage, uni-med-Verlag (2001); Duale Reihe Psychatrie und Psychotherapie, Thieme (2005).

ib;ml; aktualisiert: 08/2009