St.-Louis-Enzephalitis.
ICD -10 Code

A83.3
Definition

Bei der St.-Louis-Enzephalitis handelt es sich um eine virusbedingte Gehirnentzündung, die durch Stechmücken übertragen wird. Benannt wurde die Erkrankung nach der Stadt, in der 1933 die ersten Krankheitsfälle auftraten. Die St.-Louis-Enzephalitis zählt zu den außereuropäischen Virusinfektionen und tritt hauptsächlich auf dem nordamerikanischen Kontinent, seltener in der Karibik und in Zentral- oder Südamerika auf. In Europa gibt es nur selten Krankheitsfälle, die dann jedoch meist eingeschleppt wurden. In Amerika zählt sie allerdings zu den häufigeren Virus-Enzephalitiden. Man findet eine regional begrenzte und saisonale Häufung im Sommer und Frühherbst, besonders in Jahren mit starker Mückenpopulation nach vermehrten Niederschlägen und erhöhten Temperaturen. Sowohl auf dem Land als auch in der Stadt sind Erkrankungsfälle beobachtet worden. Besonders gefährdet sind ältere Personen, da in dieser Altersgruppe rund 22% der Erkrankungen tödlich verlaufen.
1994 wurden in den USA 20 gesicherte Fälle der St.-Louis-Enzephalitis gemeldet. Zu einer Epidemie kam es 1990 in Florida. Dabei erkrankten rund 250 Menschen, 11 starben. Derzeit gibt es noch keine Schutzimpfung gegen die St.-Louis-Enzephalitis.
Fälle der St.-Louis-Enzephalitis müssen dem zuständigen Gesundheitsamt gemeldet werden.
Ursachen

Der Erreger der St.-Louis-Enzephalitis zählt zu den Flaviviren, die wiederum mit dem Rötelnvirus und den Alphaviren zu der Gruppe der Togaviren gehören. Es wird auch kurz als SLE-Virus bezeichnet.
Der Erreger der St.-Louis-Enzephalitis ist in vielen Staaten der USA, in Kanada (Ontario), in der Karibik (Trinidad, Jamaika), in Zentral- und Südamerika (Mexiko, Panama und Brasilien) verbreitet. Eine Übertragung auf den Menschen erfolgt durch die kurzlebigen Stechmücken der Gattung Culex.
Virusträger sind Wildvögel, einschließlich Hühner, die jedoch nicht an der St.-Louis-Enzephalitis erkranken. Mücken nehmen das infizierte Blut beim Saugen auf und geben es beim Stechen auch an den Menschen weiter. Das Virus vermehrt sich in den Mücken, die es ihr Leben lang in sich tragen. Das Virus breitet sich beim Menschen über die Blutbahn aus und kann so das Gehirn erreichen. Dort verursacht es eine Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute.
Der Mensch und auch Säugetiere können zwar infiziert werden, dienen allerdings nicht als Virusträger. Übertragungen von Mensch zu Mensch wurden bisher nicht beobachtet. Nach einer Infektion bricht die Krankheit innerhalb von 4 - 21 Tagen aus.
Symptome

In den meisten Fällen verlaufen die Infektionen ohne oder mit nur schwach ausgeprägten Symptomen. Bei älteren Patienten kommt es zu einer verstärkten Symptomatik. Eine entzündliche Beteiligung des Gehirns (Enzephalitis) und/oder eine Beteiligung der Hirn- und Rückmarkshäute (Meningitis) besteht nicht in allen Fällen.
Zu Beginn der Erkrankung kommt es bei milden Verläufen zu unspezifischen Grippesymptomen wie Fieber und Kopfschmerzen. Die Beschwerden dauern nur wenige Tage. In den meisten Fällen ist die Erkrankung nach dieser Phase überstanden. Wenn es sich um eine schwere Infektion mit Gehirnbeteiligung handelt, kommt es nach einem ein- bis viertägigen beschwerdearmen Intervall zu Nackensteifigkeit, Bewegungsarmut, Schläfrigkeit und Verwirrtheit. Auch Schüttelkrämpfe und Lähmungserscheinungen sind typisch für einen Virusbefall des Gehirns. Im Verlauf der Erkrankung kommt es bei rund 60% der Betroffenen zu Finger-, Zehen- und Zungenzittern. Auch Augenzittern mit unwillkürlichen, rhythmischen Zuckungen der Augäpfel (Nystagmus) und ruckartige Zuckungen einzelner Muskelgruppen (Myoklonien) wurden beobachtet. Bei der ärztlichen Untersuchung fällt eine Steigerung der Reflexe auf. Des Weiteren kann eine gesteigerte Grundspannung der Skelettmuskulatur mit charakteristischer Steifheit bei passiven Bewegungen festgestellt werden. Der Zustand kann sich schnell verschlechtern und zu Bewusstlosigkeit oder gar zum Koma führen. Bei etwa 20% der Patienten wurden Blasenentleerungsstörungen im Sinne einer häufigen Blasenentleerung (Pollakisurie) oder einer erschwerten Blasenentleerung (Dysurie) festgestellt.
Diagnostik

Bei der Erhebung der Krankengeschichte muss unbedingt nach Auslandsaufenthalten gefragt werden. Es sollte angegeben werden, wie lange und in welchem Gebiet man sich aufgehalten hat. Da grippeartige Symptome und auch Gehirnentzündungen im Rahmen vieler Infektionskrankheiten auftreten können, ist oft eine Reihe differentialdiagnostischer Untersuchungen notwendig. Außer bei Epidemien lassen die klinischen Befunde einer Gehirnbeteiligung selten eine spezifische Diagnose zu, da eine Gehirnentzündung auch durch Bakterien, Pilze, Würmer oder Parasiten hervorgerufen werden kann. So gestaltet sich die Diagnosenstellung nicht immer einfach. Das Virus kann bei der St.-Louis-Enzephalitis nicht wie gewöhnlich durch eine Punktion der Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) gewonnen werden. Durch eine Blutuntersuchung und Liquor-Punktion können jedoch sog. spezifische Immunglobulin M-Antikörper festgestellt werden. Weitere spezielle Diagnoseverfahren sind der IgM-Antikörper-Capture-ELISA-Test, die indirekte Immunfluoreszenz an virusinfizierten Zellen, ein Neutralisationstest sowie ein Hämagglutinationshemmtest, auf die an dieser Stelle aber nicht weiter eingegangen werden soll. Eine Konzentrationszunahme von spezifischem Immunglobulin um das Vierfache gilt als sicherer Nachweis des St.-Louis-Enzephalitis-Virus. Im Urin können Antigene des St.-Louis-Enzephalitis-Virus festgestellt werden. Dies kommt als Ursache für die Harnwegssymptomatik in Frage.
Auswirkungen

Leichte Infektionen werden aufgrund der grippeähnlichen Symptomatik nicht immer erkannt. Bei schweren Infektionen kann es als Komplikation zu einer Lungenentzündung und zu Blutungen im Magen-Darm-Trakt kommen. Bei älteren Patienten kann es aufgrund eines schwachen Herz-Kreislauf-Systems zu schweren Komplikationen kommen. Auch tödliche Verläufe sind möglich: Die Sterblichkeitsrate liegt bei den über 50-jährigen etwa zwischen 5 und 30%. Bei Patienten unter 50 Jahren liegt sie unter 5%. Auch bei Kleinkindern wurden schwere und tödliche Verläufe beobachtet.
Nach Ausheilen der Infektion kann es zu Spätfolgen wie Müdigkeit, leichter Erregbarkeit, Vergesslichkeit und Konzentrationsstörungen kommen. Körperliche Störungen wie Sprach- und Sehstörungen sowie Störungen der Bewegungsabläufe wurden bei etwa 5% der Patienten noch drei Jahre nach der Infektion beobachtet.
Therapie

Eine spezifische Therapie gegen die SLE-Viren steht nicht zur Verfügung. Daher gibt es nur die Möglichkeit, die Symptome der Erkrankung mit schmerzlindernden und fiebersenkenden Medikamenten symptomatisch zu behandeln. Solange sich der Patient geschwächt fühlt und Fieber hat, sollte zur Schonung des Organismus Bettruhe eingehalten werden. Flüssigkeitsverluste aufgrund hohen Fiebers müssen durch Infusionen ausgeglichen werden. Schwere Verläufe erfordern einen Krankenhausaufenthalt mit intensiver Pflege und Betreuung.
Prophylaxe

Eine Schutzimpfung gegen die Erkrankung gibt es derzeit nicht. Die einfachste Maßnahme gegen SLE-Infektionen ist der Schutz vor Stechmücken. Deshalb sollten Gebiete und Zeiten, in denen Mücken aktiv sind, gemieden werden. Die Stechmücken der Gattung Culex sind eine Stunde vor Sonnenuntergang, während der Nacht und eine Stunde nach Sonnenaufgang am aktivsten. Sie brüten in frischem Wasser. Man findet sie am häufigsten, nachdem es geregnet hat.
Man sollte Kleidung tragen, die möglichst viel Haut bedeckt. Geeignet sind beispielsweise langärmelige Pullover und lange Hosen. Helle Kleidung ist zu bevorzugen, da man Stechmücken auf ihr leichter erkennen kann. Ungeschützte Körperstellen sollten mit insektenabweisenden Mitteln eingerieben werden. In Amerika wird der chemische Wirkstoff DEET (Diethyltoluamid) gegen die Culex-Mücke eingesetzt. Diese Substanz ist zwar in letzter Zeit wegen ihrer möglichen Nebenwirkungen (Hautreizung, neurologische Störungen etc.) in die Diskussion geraten, schützt jedoch am besten. Man sollte sich daher vorher ärztlich beraten lassen und die Risiken abklären.
Grundsätzlich sollten Insektenschutzmittel erst nach dem Sonnenschutz aufgetragen werden. Aufenthalts- und Schlafräume sollten mit Fliegengittern oder Klimaanlagen ausgestattet sein. Nachts ist es empfehlenswert, Fenster und Türen des Schlafzimmers zu schließen sowie ein geeignetes Moskitonetz über das Bett zu hängen. Das Moskitonetz kann zusätzlich imprägniert werden.
Bemerkungen

Jede Tropenreise bedeutet eine enorme klimatische Belastung und birgt aufgrund der niedrigen Hygienestandards ein hohes Risiko, sich eine Infektionskrankheit zuzuziehen.

Insbesondere bei Aufenthalten in Mittel- und Südamerika sollte man sich vor Reiseantritt, über Schutzimpfungen gegen typische Krankheiten wie Hepatitis A, Malaria oder Gelbfieber beraten lassen. Über Impfungen, Krankheitsrisiken und Hygienevorschriften des jeweiligen Landes kann man sich beim Hausarzt, in den Tropeninstituten der Universitäten oder im Internet informieren.

Literatur:
Die Innere Medizin, Schattauer (2007); Pschyrembel - Klinisches Wörterbuch (2007); Das MSD Manual der Diagnostik und Therapie, 7. Auflage, Elsevier 2007;
Harrisons Innere Medizin, Abw Wissenschaftsverlag, Auflage 16. Auflage 2005; Medizinische Mikrobiologie, Thieme, 4. Auflage 2009.

ab;ml; aktualisiert: 10/2009