Amöbenruhr, akute Amöbenruhr, akute Amöbiasis, akute Amöbendysenterie, akute Amöbenkolitis, engl.: acute amebic dysentery.
ICD -10 Code

A06.0
Definition

Die Amöbenruhr (Amöbiasis, engl.: Amebic dysentery) ist eine Infektions-Krankheit durch die Ruhr-Amöbe (der Entamoeba histolytica). Dabei handelt es sich um einen primitiven Einzeller (Protozoe), der weltweit verbreitet ist. Die Ruhr-Amöbe kommt aber vor allem in tropischen und subtropischen Ländern vor. Erkrankte in Mitteleuropa sind deshalb meist Tropenrückkehrer oder Zuwanderer aus tropischen Ländern.
Bei der Entamoeba histolytica unterscheidet man zwei Formen: Die mit 90% häufigste Form ist die harmlose Entamoeba dispar, während die in 10% der Fälle vorkommende Entamoeba histolytica sensu stricto der Auslöser der Amöben-Ruhr und der Abszesse ist. Die Amöben durchlaufen in ihrer Entwicklung zwei Stadien: das Stadium der Zyste und das eigentliche Wachstumsstadium im Dickdarm (vegetatives Stadium). Die resistenten Zysten können jahrelang ohne Krankheitszeichen im Dickdarm verbleiben. Jedoch können sie auch als Quelle neuer Infektionen mit dem Stuhl ausgeschieden werden.
Ursachen

Eine Infektion mit Amöben erfolgt durch die orale Aufnahme von widerstandsfähigen Amöbenzysten. Diese Zysten werden durch Trinkwasser oder Lebensmittel aufgenommen, die mit den Erregern besiedelt sind. In der Regel ist die Ursache eine Verunreinigung mit infizierten Fäkalien, die eventuell auch durch Fliegen abgelegt worden sind, ohne dass diese für das menschliche Auge sichtbar wären.
Nach der Aufnahme gelangen die Zysten dann in den Darm und wandeln sich dort zu der vegetativen, aktiven Form der Amöben. Man spricht von der so genannten Minuta-Form. Harmlose Erreger können in diesem Stadium zu symptomlosen Darmrohrinfektionen führen. Diese Formen können einerseits, v. a. bei einer beschleunigten Stuhlpassage ausgeschieden werden, sich aber andererseits auch zu der Gewebeform, der sogenannten Magna-Formen, entwickeln. Durch Ausbildung verschiedener Enzyme sind die Magnaformen in der Lage, in das Gewebe einzudringen und und es aufzulösen. Dadurch entstehen schwere Darmentzündungen (Amöbenkolitis), die mit Blutungen und Geschwürbildung einhergehen können.
Geschwüre dieser Art können bis in die Bauchhöhle (Peritonealhöhle) vordringen und sogar in sie durchbrechen und zu einer Bauchfellentzündung führen (Peritonitis). Starke Entzündungsreaktionen können eine massive Verdickung der Darmwand bewirken. Der Verlauf der Heilungsvorgänge kann zu einer Verengung des Darmrohrs führen. Von der Darmwand aus können die Erreger durch die Blutbahn in andere Organe gelangen, dort Gewebe zerstören und somit Abszesse in den Organen ausbilden. Vor allem die Leber ist von diesem schweren Verlauf bedroht (Leberamöbiasis). Manchmal brechen diese Leberabszesse auch in die Brusthöhle (Pleurahöhle) oder in die Lunge durch. Selten sind Milz, Gehirn, Haut und andere Organe betroffen.
Symptome

Nach einer symptomfreien Zeit (Inkubationszeit) von circa einer bis vier Wochen kann es zu den ersten Symptomen kommen. Die Symptomatik der Amöbenruhr setzt mit himbeergeleeartigem Durchfall (breiig mit Schleimfäden und Blutspuren) ein, der in regelmäßigen Abständen mit Verstopfung abwechselt. Des Weiteren treten Bauchschmerzen und -krämpfe (Tenesmen) auf. Obwohl nur wenig, gar nichts oder nur Schleim ausgeschieden wird, verspürt man häufig Stuhldrang. Der Stuhl kann in schweren Fällen mit viel Blut durchsetzt sein. Die Person ist stark geschwächt, das Allgemeinbefinden ist beeinträchtigt (Mattigkeit, Gewichtsverlust, Infektionsanfälligkeit, Blässe). Normalerweise tritt kein Fieber auf. Im Fall einer Amöbiasis der Leber kommt es zu einem Druckgefühl, eventuell mit Schmerzen im rechten Oberbauch und leicht erhöhten (subfebrilen) Temperaturen. Die Zeitspanne zwischen der Amöbendurchfall-Erkrankung und der Ausweitung auf die Leber kann Monate bis Jahre dauern, sodass der Betroffene die Komplikation nicht unbedingt auf eine Infektion mit Amöbenruhr zurückführt.
Diagnostik

An erster Stelle der umfangreichen Diagnostik steht das Anamnesegespräch, in dem der Arzt nach Auslandsaufenthalten in Tropen und Subtropen und nach dort überstandenen Durchfallerkrankungen fragt. Die typische Symptomatik einschließlich der optischen Stuhluntersuchung lässt den Arzt eine Verdachtsdiagnose stellen. Der Erreger kann letztlich jedoch nur mittels einer mikroskopischen Stuhluntersuchung definitiv nachgewiesen werden. Deshalb muss eine mikroskopische Probe aus den Blut- und Schleim-Beimengungen des Stuhls entnommen werden. Die Stuhlprobe sollte spätestens eine Stunde nach der Entnahme untersucht werden. Alternativ können mikrobiologische labortechnische Untersuchungen die speziellen Antigene des jeweiligen Amöbentyps klassifizieren. Nur Typ E. histolytica sensu stricto fungiert als Krankheitserreger! Weiterhin kann der Enddarm gespiegelt werden (Rektoskopie), wobei Schleimauflagerungen ebenfalls zur mikroskopischen Untersuchung entnommen werden. Während der Untersuchung werden oftmals Geschwüre mit einer zackigen Begrenzung und einem geröteten Rand sichtbar. Sollten im Stuhlgang oder im Schleim, der durch die Darmspiegelung gewonnen wurde, keine Erreger nachzuweisen sein, können bei der Darmspiegelung auch aus dem Rand des Geschwürs Gewebeproben entnommen und diese auf Amöben untersucht werden. Ist die Erkrankung weiter fortgeschritten, v. a. Richtung Leber, sollte die Diagnostik insbesondere auf die Leber ausgeweitet werden. Hier bietet sich der Ultraschall an, mit dem man neben der Leber die übrigen Bauchorgane beurteilen kann. Besteht ein Verdacht auf eine Besiedelung anderer Organe, wie in sehr seltenen Fällen der Lunge oder des Gehirns, können Röntgenaufnahmen vom Brustkorb und Schichtröntgen von Kopf, Brust und Bauch sinnvoll sein. In speziellen Fragen kann man ebenfalls eine Magnetresonanztomographie (MRT) vornehmen. In der Serologie sollte man versuchen, in Kombination von mehreren Verfahren (ELISA, IFAT, IHA) spezielle Antikörper darzustellen, die der Körper gegen die Amöben(-antigene) gebildet hat.
Auswirkungen

Die wichtigste und bedrohlichste Komplikation ist der Leberabszess. Dabei bestehen eine erhöhte Temperatur, ein schlechtes Allgemeinbefinden und ein Druckgefühl, z. T. mit Schmerzen im rechten Oberbauch (Bereich der Leber). Weiterhin kann bei einer Untersuchung des Erkrankten ein deutlicher Klopfschmerz über der Leber ausgelöst werden. Die Stärke dieses Schmerzes ist abhängig von der Lage des Leberabszesses. Der Leberabszess bricht in seltenen Fällen in die Lunge, die Bronchien oder den Herzbeutel durch und führt hier zu Infektionen. Sehr selten erreichen die Erreger über die Blutbahnen das Gehirn, wo sie einen Hirn-Abszess hervorrufen. Durch ein Darmgeschwür, das die Darmwand durchbrochen hat, kann eine Entzündung des Bauchfells (Peritonitis) verursacht werden. Besteht ein Amöbenbefall der Schleimhaut im Bereich des Mastdarms, kann dieser auf die Schleimhaut im Bereich des Darmausgangs übergreifen und hier zu einer Hautamöbiasis führen, d. h. zu einer Infektion der Haut mit dem Erreger.
Therapie

Es ist erforderlich, dass eine bestehende Darmrohrinfektion medikamentös behandelt wird (auch wenn bisher keinerlei Symptome bestehen), um das Eindringen der Erreger in die Darmwand zu verhindern. Zur medikamentösen Therapie nach ausgebrochener Krankheit steht Metronidazol als Mittel der Wahl zur Verfügung, das über einen Zeitraum von zehn Tagen oral genommen wird. Anschließend sollte man stets ein Medikament zur Abtötung der Zysten geben, welches im Darmrohr wirken kann, wie z. B. Diloxanid. Dies wird ebenfalls oral für zehn Tage gegeben. Befällt eine Amöbiasis andere Organe, steht ebenfalls Metronidazol an erster Stelle, bei schweren Fällen eventuell zusätzlich Chloroquin. Im Fall eines Leber-Abszesses kann man mit einer weitlumigen Kanüle (mit großem Röhrchen) diesen Abszess einstechen (punktieren) und absaugen. Dies geschieht unter einer Ultraschall-Kontrolle. Asymptomatische Personen, bei denen im Stuhl Zysten oder Trophozoiten gefunden werden, werden nur behandelt, wenn es sich um den aggressiven Typ E. histolytica sensu stricto handelt. In diesem Fall gibt man für zehn Tage Diloxanid oral.
Prophylaxe

Als vorbeugende Maßnahme sollte bei Reisen in gefährdete Gebiete auf strenge Einhaltung der hygienischen Maßnahmen geachtet werden, weil sich, wie schon erwähnt, die Erreger im verunreinigten Trinkwasser oder auf verunreinigten Lebensmitteln befinden. Es sollte also kein rohes Obst oder Gemüse verzehrt und kein Trinkwasser aus der Leitung (auch nicht als Eiswürfel im Getränk) getrunken werden. Wasser kann man alternativ für mindestens fünf Minuten aufkochen oder mit Spezialfiltern von Keimen befreien. Eine chemische Entkeimung ist mit Silbersalzen und auch mit Chlortabletten möglich, die dem Wasser jedoch einen starken Chlorgeschmack verleihen. Mit Silbersalzen kann man jedoch nur klares Wasser entkeimen, da Schwebeteilchen die Ionenbindung und die Keimabtötung behindern würden. Alle Formen sind wirkungsvoll gegen Bakterien und Mikroorganismen, jedoch werden Zysten (widerstandsfähige Dauerform von Amöben und Lamblien) nicht angegriffen.
Bemerkungen

Der Krankheitsverdacht, die Erkrankung und der Tod sowie die Diagnose "Dauerausscheider" sind bei Amöbenruhr meldepflichtig! Jede anhaltende Durchfallerkrankung mit Tropenanamnese ist amöbenruhrverdächtig.

Allgemeine Tipps zur Trinkwasser- und Nahrungsmittel-Hygiene:
Abkochen ist die sicherste Methode, sauberes Trinkwasser zu erhalten. Erhitzen Sie das Wasser, bis es sprudelnd kocht; nach einer Kochzeit von mindestens fünf Minuten ist es dann nahezu frei von Krankheitserregern. Wichtig: In höheren Lagen kocht Wasser schneller, da der Siedepunkt niedriger ist - bitte deshalb das Wasser länger kochen lassen! In Dosen oder Flaschen abgefüllte Getränke, die mit Kohlensäure versetzt sind, gelten ebenfalls als hygienisch rein. Essen Sie nur frisch gekochte oder frisch geschälte Lebensmittel. Auf den Genuss von rohem Fleisch und Fisch (besonders Austern und Muscheln) sollten Sie verzichten. Kaufen Sie nur Lebensmittel, die vor Fliegen geschützt aufbewahrt werden. Vermeiden Sie rohe, ungekochte Milch und Milchprodukte (Eis, Joghurt). Waschen Sie sich regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife. Das Fehlen einer Amöbenruhr in der Anamnese schließt einen Amöbenleberabszess nicht aus! Faustregel bei Durchfall in den Tropen: Durchfall + Blut + Fieber = Shigellenruhr; Durchfall + Blut ohne Fieber = Amöbenruhr; gelblicher, schlecht riechender unblutiger Durchfall ohne Fieber = Giardia lamblia.
Wird eine Reise in die Tropen geplant, so sollte man sich bezüglich Impfschutz und Maßnahmen, die Reisedurchfällen vorbeugen, genauestens informieren. Informationen zu Reisen in die Tropen/Subtropen findet man im Internet unter: www.travelmed.de. Viele praktische Tipps gibt es bei: www.fit-for-travel.de und bei: http://reisemed.com. Das Zentrum für Reise- und Tropenmedizin veröffentlicht aktuelle Informationen auf: www.crm.de. Als Literatur bei geplanten Reisen in gefährdete Gebiete empfehlen wir: "Wo es keinen Arzt gibt" von David Werner, Reise Know-How-Verlag Bielefeld, ISBN 3-89416-035-7.





Literatur:
Infektionskrankheiten, Epidemiologie-Klinik-Immunprophylaxe, Thieme 1987; Innere Medizin, Herold, 2007; Innere Medizin, Schölmerich, Schattauer, 10. Aufl., 2000; Innere Medizin, Classen/Diehl, Urban & Fischer, 5. Aufl., 2003; Innere Medizin, Greten, Thieme, 12. Aufl., 2005; Medizinische Mikrobiologie, Kayser/Eckert/Bienz, Thieme, 11. Aufl., 2005; Duale Reihe Mikrobiologie, Hof/Herbert, Thieme, 3. Aufl., 2004.



ib;ml; aktualisiert: 04/2009