Blinddarmentzündung, Appendizitis.
ICD -10 Code

K37
Definition

Die Appendizitis wird im Volksmund Blinddarmentzündung genannt. Genau genommen handelt es sich um eine Entzündung des Wurmfortsatzes des Blinddarms.
Bei der Diagnose "nicht näher bezeichnete Appendizitis" ist keine Unterscheidung zwischen einer akuten oder chronischen Entzündung getroffen worden.
Eine Appendizitis tritt mit einer Häufigkeit von 5/100 Einwohnern, am häufigsten im Schulalter, auf. In fast allen Fällen ist sie akut und kann innerhalb kürzester Zeit lebensbedrohliche Ausmaße annehmen.
Eine chronische Appendizitis führt über mehrere nahezu symptomlose Entzündungsschübe, die sich von selbst zurückbilden, zur Vernarbung des Wurmfortsatzes.
Ursachen

Häufigste Ursache für eine Appendizitis ist die Verlegung der Appendixöffnung beispielsweise durch Kotsteine, schwer verdauliche Nahrungsbestandteile oder durch einen Wurmbefall. Die Blinddarmentzündung kann auch durch eine allgemeine bakterielle Darmentzündung entstehen oder durch Keime, die über den Blutweg in die Appendix gelangen (beispielsweise bei Scharlach).
Eine chronische Appendizitis findet sich häufig bei abwehrgeschwächten Menschen, wie z. B. bei Diabetikern.
Symptome

Da die chronische Appendizitis allenfalls uncharakteristische und nur leichte Beschwerden aufweist, soll an dieser Stelle die Symptomatik der akuten Appendizitis erläutert werden.
Die Krankheit beginnt zumeist mit leichten Bauchschmerzen.
Zunächst sind diese Schmerzen oft schwer lokalisierbar. Sie können im Bereich des Bauchnabels verspürt werden, aber auch in der gesamten Oberbauchgegend auftreten. Innerhalb von wenigen Stunden nimmt der Schmerz zu und wandert typischerweise in den rechten Unterbauch. Die Schmerzen werden als ziehend oder krampfartig beschrieben. Bewegungen, wie Laufen oder Beug- bzw. Streckbewegungen führen zu einer Schmerzverstärkung (Anziehen des rechten Beins bringt Entlastung).
Es kommt ferner zu Appetitlosigkeit (bei Kindern oft der entscheidende Hinweis), Übelkeit, Erbrechen und eventuell Verstopfung. Symptomatisch ist leichtes Fieber, das selten über 38°C liegt, aber eine leichte Temperaturdifferenz zwischen Achselhöhle und Rektum (Mastdarm) zeigt.
Bei Schwangeren kann es durch den nach oben verlagerten Blinddarm zu untypischer Schmerzlokalisation kommen. Bei alten Menschen verläuft eine Appendizitis häufig symptomarm (kaum Fieber, wenig Schmerzen). Deshalb kommt es oft zu einer Verschleppung (30 - 50%) der Entzündung.
Bei Kleinkindern ist die Appendizitis relativ selten, dafür ist bei ihnen die Durchbruchgefahr dieses Darmabschnitts höher. Je jünger das Kind ist, desto höher liegt die Gefahr der Perforation (Druchbruch).
Bei der Symptombeschreibung ist allerdings zu beachten, dass die hier aufgeführten Symptome keine charakteristischen Symptome einer Blinddarmentzündung darstellen; während die oben beschriebenen Symptome bei der Mehrzahl der Betroffenen zu erheben sind, werden diese wiederum bei anderen Erkrankten mit Appendizitis nicht beobachtet! Die Appendizitis stellt, was die Symptomatik angeht, daher ein Chamäleon in der Medizin dar.
Diagnostik

Die Erhebung der Anamnese ist eine wesentliche Grundlage der Diagnose. Der Patient wird nach seinen Beschwerden gefragt (Schmerzen, Fieber, Erbrechen etc.). Auch eventuelle Vorerkrankungen, besonders der inneren Organe, sind von Bedeutung. Die körperliche Untersuchung kann wichtige Hinweise für das Vorliegen einer Blinddarmentzündung erbringen. Beim Abtasten des Bauches wird meistens im rechten Unterbauch ein Druckschmerz und eine Abwehrspannung festgestellt. Hierbei ist die Bauchdecke härter als normal. Eine Ausbreitung dieser Abwehrspannung über den gesamten Bauch kann ein Signal für eine beginnende Bauchfellentzündung sein. Drückt man die linke Bauchdecke ein, kommt es im rechten Unterbauch im Bereich des entzündeten Wurmfortsatzes zu einem charakteristischen Loslassschmerz (sog. Blumberg-Zeichen). Bestimmte Bewegungen, beispielsweise das Beugen des rechten Beines oder das Aufrichten des Oberkörpers, verursachen Schmerzen und geben weitere diagnostische Hinweise. Bei der rektalen Tastuntersuchung (Untersuchung des Mastdarmes) lässt sich eine ausgeprägte Schmerzempfindlichkeit feststellen. Generell sollte bei Verdacht auf eine Appendizitis die Körpertemperatur axillar (in der Achsel) und rektal (im Enddarm) zum Vergleich gemessen werden. Im Normafall ist die rektale Temperatur etwa 0,5°C höher als unter den Achseln. Liegt eine Entzündung des Wurmfortsatzes vor, wird häufig ein größerer Temperaturunterschied (1°C oder mehr) festgestellt. Eine Blutuntersuchung gehört ebenfalls zur Diagnostik. Im Blut liegen häufig Hinweise einer akuten Entzündung vor, wie z. B. die starke Vermehrung der weißen Blutkörperchen. Eine Ultraschalluntersuchung kann durchgeführt werden, um andere mögliche Ursachen auszuschließen. Allerdings ist diese apparative Untersuchungsmethode der Ultraschalldiagnostik manchmal nicht sehr aussagekräftig, da die in Folge der Entzündung verdickte Appendixwand nicht immer darstellbar ist. Auch Darmgase stören das Ultraschallbild oder es können andere Störfaktoren vorliegen (z. B. Übergewicht des Patienten). Dennoch handelt es sich um eine nicht belastende oftmals aussagekräftige Untersuchung, die zwar nicht immer die gewünschte Information bringt aber oft für die Diagnosestellung hilfreich ist. Bestehen diagnostische Unsicherheiten oder leidet der Patient an heftigen Bauchschmerzen, die einer raschen Abklärung bedürfen, so kann eine Computertomografie (Schichtröntgen) zur Abgrenzung gegenüber anderen akuten Erkrankungen des Bauchraumes herangezogen werden. Erhärtet sich trotz nicht ausreichend eindeutiger Befunde der Verdacht einer akuten Appendizitis, kann eine sogenannte Laparoskopie zur Diagnosesicherung veranlasst werden, bei der über wenige kleine Hautschnitte neben Hilfsinstrumenten ein Laparoskop (Instrument zur Untersuchung der Bauchhöhle) in die Bauchhöhle eingeführt und der Bauchraum unter Monitorsicht differentialdiagnostisch untersucht wird. Obwohl diese Untersuchung eine invasive (Hautschnitt, blutig) Methode darstellt, hat sie den Vorteil, dass während derselben Sitzung bei Vorliegen einer Blinddarmentzündung direkt operiert werden kann. In etwa 5 - 10% der Fälle wird die Appendizitis nicht rechtzeitig erkannt. Besonders bei Kleinkindern, alten Menschen und Schwangeren ist die Diagnose oft schwierig. Eine große Bedeutung kommt auch der Differenzialdiagnostik zu, also der Abgrenzung der Appendizitis gegenüber anderen Krankheitsbildern, die ähnliche Beschwerden verursachen. Hierzu zählen Erkrankungen, wie beispielsweise die entzündlichen Darmerkrankungen (Colitis ulcerosa, Morbus Crohn), Oberbaucherkrankungen (Bauchspeicheldrüsenentzündung, Gallenkolik), Nierensteinleiden, gynäkologische Krankheitsbilder wie z. B. eine Eileiterschwangerschaft sowie Harnwegsinfekte.
Auswirkungen

Eine chronische Appendizitis wird selten erkannt. Sie ist zwar nicht so gefährlich wie die akute Form, führt aber auf lange Sicht zu Verwachsungen. Diese können dann schließlich das Auftreten einer akuten Blinddarmentzündung begünstigen.
Bei einer akuten Appendizitis, die nicht rechtzeitig erkannt wird, besteht die Gefahr, dass der Wurmfortsatz in die Bauchhöhle durchbrechen kann (Perforation). Dies bedeutet, dass in der Wand des Wurmfortsatzes aufgrund entzündlicher Prozesse ein Loch entstehen und sich auf diesem Wege eine Entzündung des Bauchfells (Peritonitis) infolge einer Erregerausbreitung entwickeln kann. Eventuell kann es nach diesem Durchbruch zu einer kurzzeitigen Schmerzerleichterung kommen, woraufhin allerdings die Beschwerden sehr schnell wiederkehren und sich verstärken.
Leitsymptome für eine Bauchfellentzündung sind akute, starke Schmerzen im Bauchraum und eine Abwehrspannung der gesamten Bauchdecke. Der Kranke nimmt eine Schonhaltung ein und versucht Bewegungen zu vermeiden, weil diese sonst zu einer Schmerzverstärkung führen.
Im weiteren Verlauf kann sich ein Kreislaufversagen mit Blutdruckabfall und Pulsanstieg einstellen.
Eine Bauchfellentzündung ist eine lebensbedrohliche Situation, die eine sofortige Behandlung auf der Intensivstation erforderlich macht.
Außerdem besteht das Risiko, dass sich Abszesse (begrenzte Eiteransammlungen in einem durch Gewebeeinschmelzung entstandenen Gewebehohlraum) in der Bauchhöhle bilden, die dann im gesamten Bauchraum lokalisiert sein können.
Therapie

Ein entzündeter Wurmfortsatz muss chirurgisch entfernt werden. Die operative Entfernung des Wurmfortsatzes (Appendektomie) ist eine der häufigsten Bauchoperationen überhaupt. Sie sollte rechtzeitig vorgenommen werden, da schon nach dem zweiten Tag der akuten Entzündung die Gefahr von Komplikationen erheblich zunimmt.
Die Appendektomie kann entweder durch eine klassische Operation oder mithilfe einer abdominellen Laparoskopie (Bauchspiegelung) erfolgen.
Bei der klassischen Operation wird die Bauchhöhle durch einen Schnitt im rechten Unterbauch eröffnet und der Wurmfortsatz entfernt.
Die Laparoskopie beschreibt eine minimal-invasive Operationsmethode, die den Patienten deutlich weniger belastet. Bei diesem Verfahren operiert der Chirurg unter Kamerasicht (Optikeinheit) mit Hilfe feiner Instrumente, die über kleine Hautschnitte/Bauchdeckenschnitte in den Operationsbereich (in die Bauchhöhle) eingeführt werden. Allerdings wird die laparoskopische Blinddarmentfernung nur im Frühstadium der Erkrankung empfohlen.
Der behandelnde Arzt wird je nach Beschwerdebild die sinnvollste Operationsmethode vorschlagen.
Prophylaxe

Da die genauen Ursachen der Appendizitis nicht bekannt sind, können folglich keine sicheren prophylaktischen Maßnahmen genannt werden.
Dennoch ist an dieser Stelle eine gesunde und bewusste Ernährung zu empfehlen: eine an Ballaststoffen reiche Ernährung sollte täglich erfolgen. Ernährungswissenschaftler empfehlen eine Tagesdosis von etwa 30 - 50 Gramm. Dies kommt nicht nur dem Allgemeinempfinden zugute, sondern regt als natürliches Abführmittel die Verdauung an.
Ballaststoffen werden mehrere positive und gesundheitsfördernde Eigenschaften zugeschrieben. So sind Ballaststoffe wie Pektin, Cellulose und Hemicellulose in der Lage Wasser im Magen-Darm-Trakt zu binden und in der Folge zu quellen, was den Speisebrei erweicht, diesen leichter weiterverschiebt und die Ausscheidung zügiger ermöglicht. Darüber hinaus werden neben Wasser auch krankheitsfördernde und unerwünschte Mikroorganismen mitgebunden und mit ausgeschieden. So bleibt den Erregern im Magen-Darm-Trakt wenig Zeit, sich an der Wand des Verdauungstraktes niederzulassen und einen entzündlichen Stoffwechselprozess hervorzurufen. Ferner haben Ballaststoffe einen positiven Einfluss auf die im Magen-Darm-Trakt lokalisierten natürlichen Bakterien, die als gesunde Magen-Darm-Flora gefördert werden.
Reich an Ballaststoffen sind Obst, Gemüse, verschiedene Nusssorten sowie Vollkornprodukte.
Bemerkungen

Statistische Auswertungen zeigen, dass eine etwa 8 - 10 prozentige Wahrscheinlichkeit besteht, selbst an einer Appendizitis zu erkranken.

Literatur:
- Innere Medizin, Classen, Diehl, Kochsiek, Urban &
Fischer, 5. Auflage, Stuttgart 2003;
- Die Innere Medizin, Groß, Schölmerich, Gerok, Schattauer, 11.
Auflage, Stuttgart 2007;
- Innere Medzin, Herold 2009;
- Chirurgie, Schumpelick, Bleese, Mommsen, Enke Verlag, 6.
Auflage, Stuttgart 2003.

ab;ml; aktualisiert: 10/2009