Hypertrophie der Brust (Gynäkomastie), Mamma-Hypertrophie.
ICD -10 Code

N62
Definition

Als Brusthypertrophie wird eine Größen- und Gewichtszunahme der Mamma (Brust) bezeichnet, die über das dem Alter der Patientin entsprechende Maß - BH-Körbchengröße C oder größer - hinaus geht. Die Brustvergrößerung kann einseitig oder doppelseitig vorliegen. Die Hypertrophie der Mamma wird auch Makromastie genannt.
Der Begriff der Gynäkomastie beschreibt eine gutartige ein- oder beidseitige Vergrößerung der männlichen Brustdrüse (Drüsenkörper). Sie stellt keine eigenständige Erkrankung dar, sondern ist lediglich ein Symptom, das auf eine hormonale Störung hinweist. Von dieser echten Gynäkomastie ist die "Pseudogynäkomastie" zu unterscheiden, also die Vergrößerung der Brust durch Fettgewebe. Hierbei ist in der Regel ein Drüsenkörper nicht zu ertasten.
Ursachen

Die Mammahypertrophie tritt in den meisten Fällen in der Pubertät auf, seltener bei Frauen auch während und nach der Schwangerschaft. Bei der Untersuchung des Gewebes vergrößerter Brüste wird meist eine Zunahme an Binde- und Fettgewebe festgestellt. In diesen Fällen kann eine eventuell bestehende Fettleibigkeit der Patientin für die Mammahypertrophie ursächlich sein.
Die Ursache einer Gynäkomastie kann vielfältig sein, sie tritt beispielsweise bei einem Gendefekt (Klinefelter-Syndrom) auf, bei dem ein zusätzliches weibliches Geschlechtschromosom (X-Chromosom) in den Zellen vorliegt (normalerweise besitzt die Zelle des Mannes ein X- und ein Y-Chromosom (männliches Geschlechtschromosom). Bei einer Androgenresistenz entfalten die männlichen Hormone keinerlei Wirkung an den Zielorganen. Dadurch kommt es zu einer vermehrten Ausschüttung geschlechtshormonstimulierender Hormone, bei der die Wirkung der weiblichen Hormone (Verweiblichung der männlichen Brust) überwiegt.
Durch Hodenentzündungen (Masern, Tuberkulose), Verletzungen, Kastrationen und Operationen kann als eine weitere Ursache nicht mehr genügend männliches Hormon produziert werden (brustentwicklungshemmend). Des Weiteren können die Hoden für die Entwicklung nicht angelegt worden sein, das heißt, dass die Hormonproduktion von Geburt an fehlt.
Auch chronische Erkrankungen wie die Leberzirrhose, eine reduzierte Nierenfunktion (Niereninsuffizienz) und chronischer Alkoholmissbrauch können eine Ursache sein. In solchen Stoffwechselsituationen werden Hormone und Hormonzwischenprodukte nicht im ausreichenden Umfang abgebaut, sodass das hormonelle Gleichgewicht gestört ist und unter Umständen eine verstärkte Einwirkung der nicht abgebauten weiblichen Hormone auf das Brustdrüsengewebe oder das Brustfettgewebe erfolgt.
Die Gynäkomastie kann auch medikamentös ausgelöst werden, so beispielsweise bei der Behandlung von Hodentumoren durch die Verabreichung der Gegenspieler (Antagonisten) männlicher Hormone. Andere Medikamente wie entwässernde Mittel (Spironolacton), Magenschutzpräparate (H2-Blocker), einige Psychopharmaka und Antidepressiva, aber auch Rauschgifte wie beispielsweise Heroin und Suchtgiftersatzpräparate wie Methadon können nach längerer Einnahme zur Gynäkomastie führen. Nicht unerwähnt bleiben sollte auch das Prolaktinom, ein prolaktinproduzierender und somit das Brustdrüsengewebe stimulierender Tumor der Hirnanhangsdrüse.
Die Gynäkomastie kann allerdings auch als normale Veränderung (physiologisch) auftreten, so beispielsweise die oft zu beobachtende Neugeborenengynäkomastie, bei der es durch die weiblichen Hormone der Mutter, die über die Plazenta (Mutterkuchen) auf das Neugeborene übertragen werden, zu dieser Auffälligkeit kommt. Dasselbe gilt für die Pubertätsgynäkomastie, die durch vorübergehend vermehrte Bildung oder Umwandlung von Hormonvorstufen in weibliches Geschlechtshormon (Östron/Östradiol) in Fett- und Muskelgewebe entsteht, die sich aber wieder zurückbildet. Bei der Pseudogynäkomastie besteht eine allgemeine Fettsucht (Adipositas). Zu einer Altersgynäkomastie kommt es durch eine zunehmende Fettgewebsmasse bei abnehmender Körpermasse und einer dadurch erhöhten Umwandlung von männlichen Hormonen (Androgene) in weibliche Hormone (Östrogene) im Fettgewebe. Diese wird zudem durch die Abnahme der männlichen Hormonbildung im Hoden verstärkt.
Symptome

Die Symptome einer Hypertrophie der Mamma sind im wesentlichen schwere Hängebrüste mit vergrößertem Warzenhof und verstrichener Mamille (Brustwarze). Die Hängebrüste sind dadurch gekennzeichnet, dass die Brustwarzen unterhalb der Brustfalte liegen. Hier besteht häufig das Problem der wunden Hautfalten (Intertrigo). Durch das erhöhte Gewicht der Brüste kann es zu Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich sowie zu Problemen an der Wirbelsäule, starken Rückenschmerzen und Fehlhaltungen kommen. Ebenfalls durch das starke Gewicht der Brüste sind die BH-Trägerfurchen bedingt; außerdem kommt es durch das äußere Erscheinungsbild auch häufig zu psychischen Belastungen.
Die Gynäkomastie beim Mann ist in der Regel eine schmerzfreie Veränderung, die somit eher als unauffällig zu bezeichnen ist. Allerdings können männliche Patienten auch Schmerzen, ein Ziehen oder Spannungsgefühl der Brust beklagen.
Diagnostik

Zur Diagnose der Mamma-Hypertrophie wird nach ausführlichem Gespräch und allgemeiner körperlicher Untersuchung eine Tastuntersuchung der Brüste durchgeführt. Ist eine Operation notwendig, wird zur Vergleichsmöglichkeit der präoperative, optische Befund anhand von Fotos dokumentiert. Bei einer Ultraschalluntersuchung (Sonografie) wird die Brust, sofern erforderlich, mit Schallwellen untersucht, die von den verschiedenen Gewebestrukturen im Brustdrüsenkörper unterschiedlich stark reflektiert werden und so auf dem Bildschirm Aufschluss über Lage und Beschaffenheit des Drüsengewebes geben. Im Falle der Gynäkomastie richtet sich bei der allgemeinen Anamnese das Augenmerk auf eine eventuelle Medikamenteneinnahme und mögliche Erkrankungen der Leber (Virushepatitis, Leberzirrhose). Eine tumorbedingte Gynäkomastie äußert sich hierbei durch Schmerzen oder Spannungsgefühl, ist allerdings selten. Der Anamnese schließt sich eine genaue Untersuchung der Brüste und des Hodens an sowie eine Blutabnahme zur Bestimmung des Hormonstatus und der Leberwerte. Zum Ausschluss von Brustkrebs beim Mann wird eine Ultraschalluntersuchung und eventuell eine Mammografie vorgenommen. Zur Routinediagnostik gehören ferner eine Röntgenaufnahme der Lunge und ein Ultraschall des Oberbauchs (Leber, Niere, Nebenniere).
Auswirkungen

Wird eine abnorme Vergrößerung der Brust nicht behandelt, kann es zu den oben genannten Symptomen kommen, insbesondere zu Rückenschmerzen und psychischer Belastung. In extrem seltenen Fällen kann die Gynäkomastie nach jahrelangem Bestehen bösartige Veränderungen zeigen und zur bösartigen Krebsgeschwulst (Karzinom) entarten.
Therapie

Als konservative Therapie bei einer Mammahypertrophie aufgrund von Fettleibigkeit wird eine Gewichtsreduktion empfohlen; zusätzlich ist eine regelmäßige Rückengymnastik zur Stärkung der Rückenmuskulatur sinnvoll.
Bei der operativen Therapie handelt es sich um eine chirurgische Brustverkleinerung, bei der Teile des Brustdrüsen-, Fett- und Hautgewebes entfernt werden. Anschließend wird die Brustwarze entsprechend versetzt. Diese Mammareduktionsplastik wird auch einseitig zur Angleichung einer asymmetrischen Brust durchgeführt. Ziel dieser Operation neben der Brustkörperverkleinerung ist es, die Empfindsamkeit der Brust und die Stillfähigkeit zu erhalten. Zwar kann in den ersten Wochen und Monaten das Feingefühl in den Brustwarzen fehlen, jedoch ist der Normalzustand meist nach etwa 6 Monaten wiederhergestellt.
Die Brustverkleinerung wird allerdings nur bei Patienten vorgenommen, die unter besonders starker psychischer Belastung und fehlhaltungsbedingten Beschwerden wie etwa Rückenschmerzen leiden. Es sollte außerdem die Notwendigkeit bestehen, die Brust um mindestens 2 BH-Körbchengrößen zu verkleinern. Nach einer komplikationsfreien Operation ist ein stationärer Krankenhausaufenthalt von etwa 3 - 10 Tagen notwendig. Die Patientin muss postoperativ für etwa 4 - 6 Wochen einen Spezialbüstenhalter zur Stützung der neugeformten Brust tragen.
Bei einer Pseudogynäkomastie wird in der Regel keine Behandlung durchgeführt; nur bei großer psychischer Belastung kann eine operative Entfernung der Brustdrüsen erwogen werden. Auch die physiologische Gynäkomastie braucht zumeist keine Behandlung. Auch bei der echten Gynäkomastie handelt es sich in den allermeisten Fällen nur um eine leichte hormonelle Störung, die sich selbst zurückbildet. Auslösende Medikamente sollten abgesetzt werden. Bei bestehendem Androgenmangel wird männliches Hormon substituiert, bei einem Prolaktinüberschuss sollte eine medikamentöse Therapie mit Dopamin-Antagonisten (Gegenspieler von Prolaktin) eingeleitet werden. Hormonproduzierende Tumore werden operativ entfernt.
Prophylaxe

Mithilfe rechtzeitiger Rückengymnastik kann man die fehlhaltungsbedingten Rückenschmerzen eventuell verringern oder gar verhindern.
Medikamentös verursachte Veränderungen der Brust sind in der Regel durch das Absetzen der betreffenden Präparate rückgängig zu machen. Diese sollten dann nicht mehr eingenommen und gegebenenfalls durch nebenwirkungsärmere Ersatzpräparate ersetzt werden.
Bemerkungen

Vor einer Operation sollte man sich unbedingt mit seiner Krankenkasse zwecks Klärung der Kostenübernahme in Verbindung setzen.

Literatur:
Gynäkologie, Thieme 2000; Gynäkologie compact, Thieme 1997; Gynäkologie und Geburtshilfe, Pfleiderer/Breckwoldt/Martius,
3. Auflage, Thieme 2000.

ib;ml; aktualisiert: 08/2009