Asphyxie unter der Geburt, Neugeborenenasphyxie, peripartale Asphyxie.
ICD -10 Code

P21.-
Definition

Bei der Asphyxie (griech. asphyktos = "pulslos") handelt es sich um einen vor, während, oder nach der Geburt einsetzenden Sauerstoffmangel des Neugeborenen mit Atemstörung und Kreislaufzusammenbruch. Die Neugeborenen-Asphyxie kann zu schwerwiegenden Schäden an vielen Organen führen. Sie ist die Ursache für ein Fünftel aller Todesfälle bei Neugeborenen und für die meisten frühkindlichen Hirnschädigungen. Frühgeborene tragen ein um den Faktor 20 erhöhtes Risiko für eine Asphyxie.
Ursachen

Vor der Geburt kann ein Sauerstoffmangel durch eine Minderdurchblutung der Plazenta (Nachgeburt), Nabelschnurkomplikationen oder Infektionen entstehen. Auch eine Zuckerkrankheit oder Tabakkonsum der Mutter erhöhen die Gefahr einer Asphyxie. Einem Sauerstoffmangel nach der Geburt liegt in den meisten Fällen die Unreife der Lunge zugrunde (Surfactant-Mangelsyndrom). Auch Infekte (v. a. der Lunge), im Blut ausgeschwemmte Krankheitserreger (Sepsis), angeborene Herzfehler, primäre Störungen des Atemantriebs, Hirnblutungen oder Geburtsverletzungen können zu einer Neugeborenen-Asphyxie führen. Vor allem Frühgeborene sind von einer Asphyxie bedroht.
Auf die ungenügende Sauerstoffversorgung reagiert das Neugeborene allgemein mit einer Drosselung oder einem totalen Aussetzen der Atmung. Durch den sich verstärkenden Sauerstoffmangel werden vermehrt bestimmte Hormone freigesetzt, sogenannte Katecholamine. Außerdem wird Zucker (Glukose) nur noch anaerob, d. h. ohne das Beisein von Sauerstoff, für den Energiestoffwechsel bereitgestellt. Durch diese anaerobe Umstellung des Organismus fallen vermehrt schädliche, saure Stoffe an, die Gewebe und Organe angreifen und zerstören.
Symptome

Zum Zeitpunkt der Geburt besteht beim Neugeborenen eine verschlechterte Atmung, eine sogenannte Atemdepression. Das Kind ringt nach Atem und atmet sehr oberflächlich ohne tiefe Atemzüge. Die Herzfrequenz fällt unter hundert Schläge pro Minute ab, die Muskulatur ist schlaff. Die Haut verfärbt sich blau, wenn der Sauerstoffmangel im Blut im Vordergrund steht (blaue Asphyxie), oder weiß, wenn es zum Kreislaufzusammenbruch gekommen ist (weiße Asphyxie). Vom untersuchenden Arzt können nur träge Reflexe ausgelöst werden. Im Rahmen einer weiteren Verschlechterung stoppt die Eigenatmung des Neugeborenen, die Herzfrequenz sinkt unter 80 Schläge pro Minute und es sind keinerlei Reflexe mehr auslösbar. Diesen Zustand nennt der Mediziner terminale Apnoe.
Diagnostik

Wichtige diagnostische Kriterien sind der sogenannte Apgar-Score und der Nabelschnur-pH-Wert. Anhand des Apgar-Score kann der Zustand des Neugeborenen eingeschätzt werden. Dieser richtet sich nach der Beurteilung des Aussehens (Hautfarbe), des Pulsstatus, der Grimassen (Reflexe) beim Absaugen des Kindes, der Aktivität (Muskulatur) und der Respiration (Atmung). Der Apgar wird nach einer, nach fünf und nach zehn Minuten erhoben; es können je Parameter Punkte von null bis zwei vergeben werden. Ein lebensfrisches Kind erhält etwa acht bis zehn Punkte; fünf bis sieben Punkte zeigen eine gesundheitliche Beeinträchtigung, und bei null bis vier Punkten besteht eine sehr bedrohliche Situation. Ein niedriger Ein-Minuten-Wert zeigt zumeist Einflüsse auf den kindlichen Organismus, die während der Entbindung aufgetreten sind, während der Fünf-Minuten-Wert eher die Beeinträchtigung durch einen längeren Sauerstoffmangel widerspiegelt. Neben der Apgar-Beurteilung wird die Untersuchung des Nabelschnurbluts in die Standarddiagnostik mit aufgenommen. Der pH-Wert gibt an, wie sauer oder wie basisch das Blut ist. Ein pH-Wert ab 7,3 ist normal; hingegen ist ein Wert unter 7,19 schon kritisch. Unter einem pH-Wert von 6,99 besteht eine schwere Azidose, die einen lebensbedrohlichen Zustand bzw. eine schwere Asphyxie widerspiegelt. Die Diagnostik zeigt einen Unterschied auf zwischen der leichten blauen Asphyxie mit blau gefärbter Haut, und der schweren weißen Asphyxie mit sogenanntem fetalen Schocksyndrom.
Auswirkungen

Auch wenn die Sauerstoffversorgung des Organismus wieder sichergestellt ist, treten in vielen Organen Funktionsstörungen auf (Post-Asphyxie-Syndrom). Im Vordergrund dieses Syndroms stehen zunächst die Schädigung der Lunge und des Nervengewebes. Hinzu kommen Herzschwäche und eine verminderte oder fehlende Harnproduktion als Ausdruck einer Nierenschädigung. Im Magen-Darm-Trakt führt die Minderdurchblutung zu Entzündungen und blutenden Geschwüren der Darmwand. Folgen der Gehirnschädigung können unter anderem spastische Lähmungen, Inkontinenz (Unvermögen, Harn oder Stuhl gewollt zurückzuhalten) und eine geistige Entwicklungsverzögerung sein.
Therapie

Je nach Zustand des Kindes muss unterschiedlich behandelt werden. Bei einem Apgar-Wert von über drei Punkten kann versucht werden, die Atmung durch lokale Reize anzuregen, wie z. B. durch In-die-Haut-Kneifen. Bei einer Verlegung der Atemwege sollten diese mit einem Sauggerät gründlich gereinigt werden. Hierbei ist allerdings Vorsicht geboten: Sind die Atemwege frei, so kann dieses Absaugen die Herzfrequenz reflektorisch vermindern und den Zustand weiter verschlechtern.
Die blaue Asphyxie wird meist schon nach wenigen Maßnahmen wie Freimachen der Atemwege, Abtrocknen des Neugeborenen und Überwachung der Lungen- und Herzfunktion überwunden. Ist das Neugeborene in einer sehr schlechten Situation (der Apgar liegt etwa unter drei Punkten, oder das Kind wird schon weißlich-blass geboren), so sollte eine rasche Wiederbelebung (Reanimation) erfolgen. Bei dieser weißen Form der Asphyxie sollte maschinell beatmet werden. Es wird Sauerstoff verabreicht, und bei einer Herzfrequenz von unter 60 Schlägen pro Minute sollte eine Herzdruckmassage mit 100 Schlägen pro Minute eingeleitet werden. Eventuell ist eine Bluttransfusion notwendig.
Prophylaxe

Im Rahmen der regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen während der Schwangerschaft sollte auf mögliche Risikofaktoren und auf eventuelle Hinweise auf eine entstehende Schädigung des Kindes geachtet werden. Die Mutter sollte von sich aus Risikofaktoren wie Alkohol und Tabak vermeiden. Eine Zuckerkrankheit muss medikamentös gut eingestellt sein.
In den letzten Jahren ging der Trend eher in die Richtung, dass Risikoschwangerschaften frühestmöglich per Kaiserschnitt entbunden wurden, um möglichen Komplikationen bei der Entbindung vorzubeugen. Hierdurch können Asphyxie-Fälle aufgrund einer Schädigung im Rahmen der Entbindung vermieden werden.
Bemerkungen

Literatur:
Thiemes Pflege, Entdecken-erleben-verstehen, Thieme 2000; Duale Reihe Gynäkologie und Geburtshilfe, Stauber/Weyerstahl, Thieme, 2. Aufl. 2005; Duale Reihe Pädiatrie, Sitzmann, Hippokrates, 2. Aufl. 2002.

ib;ml; aktualisiert: 06/2009